Lernfeld 5 · Kunden akquirieren und binden

Der perfekte Fragebogen

Wie aus guten Fragen verwertbare Daten werden Lernsituation 2 · Arbeitsauftrag 5 · Modellbetrieb: Markgraf Brunnen GmbH Kaufleute für Büromanagement · 2. Ausbildungsjahr
BBS Lingen Wirtschaft
Studienrat Gert Niehaus, M. Ed.an den BBS Lingen Wirtschaft
Warum das wichtig ist

Ein Fragebogen ist nur so gut wie seine Fragen

Der Fragebogen muss klug sein, nicht die Person, die befragt. — sinngemäß nach Elisabeth Noelle-Neumann, Pionierin der Meinungsforschung

Schlechte Frage → wertlose Antwort

  • Wird eine Frage missverstanden, antworten Menschen falsch, gar nicht oder kreuzen einfach die Mitte an.
  • Ergebnisse werden dadurch unbrauchbar – die ganze Befragung war umsonst.
  • Deshalb steckt die eigentliche Arbeit vor der Befragung: im durchdachten Fragebogen.
Unser FallFrieda Arnold plant eine Befragung zu „Markgraf BioFair“. Ihre Entscheidungen werden nur so gut sein wie die Daten, die euer Fragebogen liefert.
Ausgangslage · Der Auftrag

Was will Frieda Arnold wissen?Befragung der Endverbraucher zu „Markgraf BioFair“

Anlassneue Produktlinie „Markgraf BioFair“
Ortausgewählte Getränkemärkte (Sales Promotion)
ZielgruppeEndverbraucherinnen und Endverbraucher
Anreizgratis eine Flasche BioFair pro Teilnahme

Diese 5 Aspekte soll der Fragebogen klären

  • Wie bekannt ist das neue Produkt unter den Endverbrauchern?
  • Wie wichtig sind ihnen Fair Trade bzw. Bio?
  • Welche Verpackungsgröße bevorzugen sie?
  • Trifft der Orangengeschmack ihre Vorlieben?
  • Wünschen sie weitere Geschmacksrichtungen – und falls ja, welche?
HeuteWir bauen genau diesen Fragebogen Schritt für Schritt auf – am Ende seht ihr einen fertigen Muster-Fragebogen.
Überblick · Unser Fahrplan

In 5 Schritten zum guten Fragebogen

1
Ziele & GrundregelnWas will ich wissen – und wie frage ich richtig?
2
Aufbau des FragebogensDer Rahmen, der Vertrauen schafft
3
Die drei Fragetypenoffen · halboffen · geschlossen
4
Antworten clever darstellenSkala, Tabelle, Polaritätsprofil, Rangliste
5
Digital: der Online-Fragebogenam PC ausfüllen & automatisch auswerten

Zu jedem Schritt gibt es einen kurzen Input und immer wieder einen Blitz-Check, bei dem ihr selbst entscheidet.

Schritt 1

Erst das Ziel, dann die Frage

Die GrundregelJede Frage muss von jeder befragten Person so verstanden werden, wie sie gemeint ist. Nur dann misst der Fragebogen wirklich das, was er messen soll (= Gültigkeit / Validität).

So fragt man richtig

  • Eindeutig & verständlich formulieren
  • Kurz, klar und übersichtlich gegliedert
  • Antwortvorgaben logisch & vollständig (alle wichtigen Möglichkeiten dabei)

Diese Fallen vermeiden

  • Fach- & Fremdwörter, die nicht alle kennen
  • Suggestivfragen, die eine Antwort nahelegen
  • Doppelfragen – nie zwei Dinge in einer Frage
Blitz-Check 1

Woran hakt diese Frage?

A)„Sie finden nachhaltige Bio-Produkte doch sicher auch gut, oder?“
Suggestivfrage

Die Frage legt die Antwort nahe und beeinflusst die Befragten.

✓ Besser: Wie wichtig ist Ihnen, dass ein Getränk Bio- und Fair-Trade-zertifiziert ist?

B)„Wie zufrieden sind Sie mit Geschmack und Verpackung von BioFair?“
Doppelfrage

Zwei Dinge in einer Frage – man weiß nicht, worauf sich die Antwort bezieht.

✓ Besser: In zwei Fragen trennen: einmal zum Geschmack, einmal zur Verpackung.

C)„Bevorzugen Sie eine sensorisch adäquate Gebindegröße?“
Fach-/Fremdwörter

Unverständliche Begriffe – viele verstehen die Frage nicht und antworten nicht.

✓ Besser: Welche Flaschengröße bevorzugen Sie?

D)„Wie oft kaufen Sie BioFair?“ (an alle gestellt)
Setzt Kenntnis voraus

Wer das Produkt gar nicht kennt, kann nicht sinnvoll antworten.

✓ Besser: Erst eine Filterfrage: „Kennen Sie BioFair? ja/nein“ – nur bei „ja“ nach der Kaufhäufigkeit fragen.

Schritt 2

So ist ein Fragebogen aufgebaut

1
Freundliche Anrede + Zeitangabe„Liebe Kundin, lieber Kunde, bitte nehmen Sie sich 3 Minuten Zeit …“
2
Ziel des FragebogensWorum geht es? Was wird untersucht?
3
Erläuterungen zur BearbeitungWie ausfüllen? Ggf. Rücksendetermin.
4
Datenschutzhinweis (DSGVO)Freiwilligkeit & Anonymität zusichern.
5
Verwendungszweck der AuswertungWofür werden die Antworten genutzt?
6
Dank für die TeilnahmeWertschätzung – und hier: die gratis Flasche BioFair.
Warum der Rahmen zählt: Anrede, Zeitangabe und Datenschutz schaffen Vertrauen → mehr Menschen machen mit (höhere Rücklaufquote). Der Anreiz – die gratis Flasche – wirkt zusätzlich.
Schritt 3

Drei Fragetypen – drei Werkzeuge

Offene Fragen

Keine Vorgaben – frei formulieren. Gut für Meinungen & Ideen, aber aufwändig auszuwerten.

„Welche weiteren Geschmacksrichtungen wünschen Sie sich?“

Halboffene Fragen

Vorgaben plus Ergänzungsmöglichkeit – oder ein Satz, der ergänzt wird.

„… ☐ andere Größe: __________“

Geschlossene Fragen

Alle Antworten sind vorgegeben. Leicht zu beantworten und schnell auszuwerten.

„War Ihnen BioFair bekannt? ☐ ja ☐ nein“
Schritt 3 · Vertiefung

Offene & halboffene Fragen

Offene Fragen

  • Befragte formulieren frei – ganz eigene Einstellungen und Ideen.
  • Aber: höherer Denk- und Zeitaufwand, Antworten schwer vergleichbar, aufwändige Auswertung (Zusammenfassen „Clustern“).
  • Deshalb sparsam einsetzen, gern am Ende des Fragebogens.
BioFair-Beispiel: „Welche weiteren Geschmacksrichtungen wünschen Sie sich?“

Halboffene Fragen

  • Wenige vorgegebene Antworten plus eine offene Ergänzung („Sonstiges: …“).
  • Oder ein unvollständiger Satz, den die Befragten ergänzen.
  • Verbindet Vergleichbarkeit mit etwas Freiheit.
BioFair-Beispiel: „Ich würde BioFair kaufen, weil …“
Blitz-Check 2

Offen, halboffen oder geschlossen?

„War Ihnen BioFair vor heute bekannt? ☐ ja ☐ nein“
offenhalboffengeschlossen
Geschlossen (Einfachnennung): Alle Antworten sind vorgegeben, es passt genau eine.
„Was gefällt Ihnen an BioFair am besten?“
offenhalboffengeschlossen
Offen: keine Vorgaben, die Befragten formulieren frei.
„Welche Flaschengröße bevorzugen Sie? ☐ 0,5 l ☐ 0,75 l ☐ 1,0 l ☐ andere: ___“
offenhalboffengeschlossen
Halboffen: Vorgaben plus die offene Ergänzung „andere“.
Schritt 3 · Vertiefung

Geschlossene Fragen – die Auswerte-Freunde

Der Vorteil: leicht zu beantworten (das motiviert), gut vergleichbar und schnell auszuwerten. Wichtig ist nur, dass wirklich alle wesentlichen Antworten angeboten werden.

Einfachnennung

Genau eine Antwort

Die Antworten schließen sich aus.

„War Ihnen BioFair vorher bekannt?“
☐ ja    ☐ nein
Mehrfachnennung

Mehrere Antworten möglich

Es dürfen mehrere Kreuze gesetzt werden.

„Wo haben Sie von BioFair gehört?“
☐ Werbung   ☐ Freunde   ☐ im Markt   ☐ Social Media
Blitz-Check 3

Einfach- oder Mehrfachnennung?

„Welche Verpackungsgröße bevorzugen Sie?“
EinfachnennungMehrfachnennung
Einfachnennung: Es gibt genau eine bevorzugte Größe.
„Welche Merkmale sind Ihnen bei einem Getränk wichtig?“
EinfachnennungMehrfachnennung
Mehrfachnennung: Mehrere Merkmale (Bio, Fair Trade, Geschmack, Preis …) können gleichzeitig wichtig sein.
„Wie oft kaufen Sie Mineralwasser? ☐ täglich ☐ wöchentlich ☐ seltener“
EinfachnennungMehrfachnennung
Einfachnennung: Die Häufigkeiten schließen sich aus – nur ein Kreuz passt.
Schritt 4

Antworten clever darstellen

Tabelle / Matrix

Mehrere Aussagen in einem Raster bewerten.

Geschmack☐☐☐Aussehen
sehr gut   gut   weniger gut
Skala

Bewertung z. B. nach Schulnoten.

12345
Polaritätsprofil

Gegensatzpaare abstufen.

künstlich··●·natürlich
langweilig·●··spritzig
Rangliste

Nach Wichtigkeit ordnen (1 = wichtigste).

Orange ___   Zitrone ___   Apfel ___
Beere ___   Kräuter ___
Schritt 4 · Vertiefung

Wie viele Stufen? Gerade oder ungerade?

Ungerade Anzahlz. B. 1–5
  • Es gibt eine neutrale Mitte – wer unentschieden ist, kann sie wählen.
  • Nachteil: Die Mitte ist „uneindeutig“ – keine Meinung? nicht verstanden? egal?
Gerade Anzahlz. B. 1–4
  • Erzwingt eine Tendenz (eher positiv oder eher negativ).
  • Nachteil: Wer wirklich neutral ist, wird in eine Richtung gedrängt.
FaustregelNicht mehr als sieben Abstufungen – sonst kann man kaum noch unterscheiden. Und: gerade oder ungerade bewusst nach dem Ziel der Frage wählen.
Blitz-Check 4

Welche Skala passt?

Frieda Arnold sagt: „Ich will klar wissen, ob die Leute BioFair eher gut oder eher schlecht finden – ein ‚weiß nicht‘ hilft mir nicht.“
ungerade Skala (1–5) gerade Skala (1–4)
Gerade Skala: Sie erzwingt eine Tendenz – genau das, was Frieda Arnold hier braucht. Eine neutrale Mitte gibt es bewusst nicht.
Schritt 5

Digital ausfüllen & automatisch auswerten

Vorteile des Online-Fragebogens

  • Einfach per E-Mail verschicken oder auf der Website verlinken.
  • Direkt am PC oder Tablet ausfüllen – kein Papier.
  • Automatische Auswertung spart viel Zeit; auch größere Stichproben möglich.

Steuerelemente im Formular

Nur-Text-Feld Kontrollkästchen Kombinationsfeld (Dropdown) Datumsauswahl

Diese Werkzeuge kennt ihr bereits aus dem IV-Unterricht – damit lässt sich der Fragebogen sauber am Rechner erstellen.

Das Ergebnis

So sieht ein fertiger Fragebogen ausKundenbefragung „Markgraf BioFair“

Ihre Meinung zu „Markgraf BioFair“

Liebe Kundin, lieber Kunde, bitte nehmen Sie sich rund 3 Minuten Zeit. Ihre Angaben sind freiwillig und anonym (DSGVO) und helfen uns, unser neues Produkt zu verbessern. Als Dank erhalten Sie gratis eine Flasche BioFair. Vielen Dank!

1. War Ihnen „Markgraf BioFair“ vor heute bekannt?geschlossen
janein
2. Wie wichtig ist Ihnen, dass ein Getränk Bio und Fair Trade ist?geschlossen
sehr wichtig12345unwichtig
3. Welche Flaschengröße bevorzugen Sie?halboffen
0,5 l0,75 l1,0 landere: ______
4. Trifft der Orangengeschmack Ihren Geschmack?geschlossen
ja, sehreher jaeher neingar nicht
5. Welche weiteren Geschmacksrichtungen wünschen Sie sich?offen
Vielen Dank für Ihre Teilnahme! – Ihre Markgraf Brunnen GmbH

Warum dieser Fragebogen funktioniert

  • Alle 5 Aspekte von Frieda Arnold sind abgedeckt.
  • Rahmen mit Anrede, Zeit, Datenschutz und Dank.
  • Überwiegend geschlossene Fragen → leicht & schnell auszuwerten.
  • Bei Größe eine halboffene, am Ende eine offene Frage.
  • Frage 4 nutzt eine gerade Skala → klare Tendenz.
Zusammenfassung

Der perfekte Fragebogen – auf einen Blick

  • Ziel zuerst: Was will ich wissen? Fragen eindeutig, kurz, ohne Fachchinesisch.
  • Keine Fallen: keine Suggestiv- und keine Doppelfragen.
  • Aufbau: Anrede + Zeit → Ziel → Erläuterung → Datenschutz → Zweck → Dank.
  • Anreiz und kurze, klare Fragen erhöhen die Rücklaufquote.
  • 3 Fragetypen: offen · halboffen · geschlossen – geschlossen dominiert (leicht auszuwerten).
  • Darstellung: Tabelle, Skala, Polaritätsprofil, Rangliste.
  • Skala: max. 7 Stufen; gerade = Tendenz, ungerade = neutrale Mitte.
  • Digital: am PC ausfüllen & automatisch auswerten.
Zum Nachschlagen: Alles Wichtige findet ihr kompakt in der Handreichung „Fragebogen erstellen“ auf IServ.